Ich lese Verbandsnewsletter normalerweise quer. Man kennt die Dramaturgie, die Themen wiederholen sich, der Ton ist routiniert. Beim aktuellen Newsletter des Bundes Deutscher Heilpraktiker (BDH) vom 14.1. habe ich mir jedoch bewusst Zeit genommen. Nicht, weil ich den Verband kritisieren möchte, sondern weil genau das mein journalistischer Job ist: hinschauen, einordnen, bewerten. Daher habe ich mir den Newsletter angesehen, als würde ich als Journalist eine Filmkritik schreiben.
Denn wir erleben gerade eine politische Ausnahmesituation für die Heilpraktikerschaft.
Mit der Böhmermann-Sendung läuft der größte mediale Angriff auf Heilpraktiker seit Jahrzehnten.
Parallel liegt mit dem empirischen Gutachten das größte politische Lob und die deutlichste fachliche Rückendeckung für den Berufsstand seit Jahrzehnten auf dem Tisch. Zwei Extreme, die die Zukunft des Berufs maßgeblich beeinflussen werden.
Umso spannender ist die Frage: Wie reagiert einer der größten Heilpraktikerverbände darauf?
Die Antwort liefert der BDH-Newsletter Nr. 925 vom 14. Januar 2026. Und sie ist – gelinde gesagt – überraschend.
Weder Böhmermann noch das Empirische Gutachten sind Themen für den BDH. Sie existieren laut BDH-Newsletter vom 14.1. nicht.
Manchmal sagen Newsletter mehr durch das, was sie nicht schreiben, als durch das, was sie schreiben. Der aktuelle BDH-Newsletter ist dafür ein gutes Beispiel. Er ist optisch solide – und politisch und von der Relevanz für Heilpraktiker erstaunlich leer.
Als Journalist liest man ihn wie einen Film, der optisch aufwendig produziert ist, gute Darsteller hat, schöne Bilder zeigt – aber die eigentliche Geschichte einfach auslässt.
Die Handlung
Der BDH-Newsletter Nr. 925 kommt in gewohnter Dramaturgie daher: ein freundliches Vorwort des Präsidenten, danach ein bunter Themenmix aus Recht, Fortbildung, Forschung, Komplementärmedizin und ein kleiner gesundheitspolitischer Block.
Im Mittelpunkt steht ein Interview zu Rezepturarzneimitteln und Infusionen – ein wichtiges Thema für den Praxisalltag. Dazu Hinweise auf neue Stammtische, Fortbildungen, Kongresse, Arzneipflanze des Jahres, Tai Chi bei Schlaflosigkeit, Proteinshakes und Psoriasis-Forschung.
Alles solide. Alles nützlich. Alles unstrittig.
Im Kapitel „Gesundheitspolitik“ findet sich genau ein Beitrag: ein Verweis auf ein Interview eines Vereins mit einem Abgeordneten, der sich für den Erhalt der Homöopathie im GKV-System ausspricht.
Damit endet der politische Teil.
Die Inszenierung
Formal ist der Newsletter professionell gemacht. Layout, Bildauswahl, Tonalität – das ist routinierte Verbandskommunikation. Der Text will beruhigen, Orientierung geben, Sicherheit vermitteln. Er spricht die Sprache der Kolleginnen und Kollegen, ohne aufzuregen, ohne Alarmismus, ohne Konflikt.
Man merkt: Hier schreibt ein Verband, der Stabilität ausstrahlen will.
Das Problem ist nur: Die Realität draußen sieht anders aus.
Der Elefant im Raum
Seit Wochen steht die Heilpraktikerschaft massiv unter öffentlichem Beschuss. Die Böhmermann-Sendung im ZDF hat ein Millionenpublikum erreicht und den Berufsstand pauschal diffamiert. Programmbeschwerden laufen. Der Fernsehrat prüft. Medien greifen das Thema auf.
Parallel sorgt ein empirisches Gutachten für politische Anschlussfähigkeit genau jener Narrative, die seit Jahren gegen Heilpraktiker aufgebaut werden: fehlende Evidenz, Patientengefährdung, Reformbedarf.
Diese beiden Themen bestimmen derzeit die Debatte über die Zukunft des Berufsstands.
Im BDH-Newsletter kommen sie nicht vor.
Nicht einmal als Randnotiz.
Nicht als Einordnung.
Nicht als Information.
Nicht als Warnung.
Nicht als Mobilisierung.
Als Leser fragt man sich unweigerlich: In welchem Film spielt dieser Verband eigentlich?
Das Drehbuch
Das Drehbuch des Newsletters folgt einer vertrauten Verbandslogik: Praxisnähe vor Politik, Service vor Strategie, Fortbildung vor Interessenvertretung. Man kümmert sich um den Alltag, um Haftungsfragen, um Qualifikation, um fachliche Weiterentwicklung.
Das ist legitim. Aber es greift zu kurz. Denn ein Berufsverband ist nicht nur ein Weiterbildungsanbieter mit Mitgliederverwaltung. Er ist auch politische Interessenvertretung. Und genau in dieser Rolle bleibt der BDH derzeit erstaunlich blass.
Statt den Mitgliedern zu erklären, was politisch läuft, welche Risiken real sind, welche Debatten geführt werden, welche Strategien notwendig wären, sendet er das Signal: Alles ganz normal. Keine besonderen Vorkommnisse.
Das mag beruhigend wirken. Es ist aber gefährlich.
Die Nebenrollen
Der einzige politische Akzent ist der Hinweis auf das Interview eines Vereins mit einem Abgeordneten. Ein freundlicher Text, ein klares Bekenntnis zur Homöopathie, ein klassischer Verbandsdialog.
Doch auch hier fehlt die Einordnung: Was bedeutet dieses Interview im Kontext der aktuellen Angriffe? Welche Rolle spielt es in der politischen Auseinandersetzung? Ist es Teil einer Strategie oder nur ein netter Austausch?
Der Newsletter lässt diese Fragen offen.
Was fehlt
Was in diesem „Film“ komplett fehlt, ist der Konflikt. Dabei ist er längst da.
Es fehlt:
- eine Einordnung der medialen Angriffe wie Böhmermann
- eine Information über die Programmbeschwerden
- eine Bewertung des empirischen Gutachtens
- eine politische Lageanalyse
- ein Signal an die Basis: Jetzt wird es ernst
Stattdessen wird Normalität inszeniert, wo längst Alarmstufe Gelb herrscht.
Die Wirkung
Für viele Heilpraktiker dürfte dieser Newsletter beruhigend wirken. Und genau das ist das Problem. Wer nur diesen Newsletter liest, kann leicht glauben, es gehe um Fortbildung, Stammtische und Infusionstechniken – nicht um die politische Zukunft des Berufs.
Das erzeugt eine gefährliche Trägheit. Denn politische Entscheidungen fallen nicht erst, wenn Gesetze im Bundestag liegen. Sie fallen viel früher. In Talkshows, in Redaktionen, in Ministerien, in Gutachten, in Narrativen.
Und genau dort wird die Heilpraktikerschaft derzeit neu verhandelt.
Das Fazit
Der BDH-Newsletter Nr. 925 ist ein guter Newsletter für den Praxisalltag. Er ist informativ, serviceorientiert und handwerklich sauber.
Als politische Standortbestimmung eines der größten Heilpraktikerverbände ist er jedoch enttäuschend. Er wirkt wie ein Film, der die große Krise ausblendet und stattdessen lieber über schöne Landschaften und Nebenhandlungen erzählt.
Man kann das so machen. Aber man sollte sich nicht wundern, wenn das Publikum irgendwann merkt, dass es um etwas ganz anderes geht.
Bewertung:
Gute Inszenierung. Solides Handwerk.
Aber ein Drehbuch, das die wichtigsten Geschichten der letzten Wochen nicht erzählt.
Abspann
Vielleicht noch ein persönlicher Gedanke zum Schluss.
Während der größte mediale Angriff auf Heilpraktiker seit Jahrzehnten durch die Böhmermann-Sendung lief und parallel mit dem empirischen Gutachten das größte politische Lob und die deutlichste fachliche Rückendeckung für den Berufsstand seit Jahrzehnten vorlag, habe ich mich als Journalist und Blogger nachts hingesetzt.
Ich habe recherchiert. Ich habe eingeordnet. Ich habe Dossiers geschrieben.
Ich habe Programmbeschwerden zu Böhmermann vorbereitet. Ich habe konkrete Hilfen für Heilpraktiker zum Gutachten entwickelt.
Nicht im Auftrag eines Verbandes. Nicht mit einem Apparat im Rücken.
Nicht mit Pressestelle, Geschäftsführung oder Budget. Sondern weil ich es für wichtig halte, dass Heilpraktiker und Homöopathen sowie Patienten gut informiert sind.
Sondern mit Kaffeespenden von fünf Euro, mit denen ich meinen Anwalt gegen Skeptiker bezahle, und mit der Unterstützung von Leserinnen und Lesern, die wollen, dass jemand hinschaut, wenn es ernst wird. Rund eine Million Menschen lesen jedes Jahr den Watchblog.
Der BDH ist laut Lobbyregister des Bundestages ein Verband mit rund 5.000 Mitgliedern und einem Etat von über einer Million Euro aus Mitgliedsbeiträgen. Allein für den Posten Newsletter/Mitgliederzeitschrift gibt der BDH laut Dokument des Bundestages im Jahr etwa 208.000 Euro aus.
Quelle: Lobbyregister des Deutschen Bundestages, R001991. Link
Das ist kein Vorwurf. Das ist keine Polemik. Das ist eine nüchterne Beobachtung.
Und sie führt zu einer einfachen, unbequemen Frage:
Wie kann es sein, dass ein Blogger mit Nachtschichten und Kaffeespenden mehr politische Aufklärung, Einordnung und Mobilisierung leistet als ein Verband mit 5.000 Mitgliedern und einem 1-Million-Euro-Jahresbudget?
Abspann.
Zur Einordnung: Warum dieser Text kein Angriff ist – und wie er gelesen werden wird
Zum Schluss noch ein paar Worte zur Einordnung dieses Artikels.
Dieser Text ist kein Angriff auf den BDH.
Er ist kein Angriff auf andere Verbände.
Er ist kein Angriff auf Heilpraktiker.
Er ist das, was journalistische Arbeit immer sein sollte: eine Analyse öffentlicher Kommunikation in einer politischen Ausnahmesituation.
Der BDH verschickt seinen Newsletter an Tausende Mitglieder und Nichtmitglieder (wie mich – vermutlich wird der BDH heute mein Abo löschen 😉 ). Er ist damit ein politischer Akteur. Seine Kommunikation wirkt nach innen und nach außen. Genau deshalb darf, ja muss sie eingeordnet und bewertet werden – so wie man Regierungsarbeit, Parteiprogramme, Verbandspositionen oder Medienberichte bewertet. Und so wie auch Journalisten und Blogger bewertet werden. Wir Journalisten nennen das Blattkritik.
Nicht aus Lust an der Kritik.
Sondern aus Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und gegenüber dem Berufsstand.
Wie wird der BDH auf diesen Artikel reagieren?
Realistisch betrachtet wird der BDH diesen Artikel sehr genau lesen. Nicht, weil er polemisch ist – sondern weil er eine unbequeme Frage stellt: Wie politisch handlungsfähig ist der Verband in einer Phase, in der der Berufsstand so stark unter Druck steht wie seit Jahrzehnten nicht mehr?
Typische Reaktionsmuster, wie sie aus der Verbandswelt bekannt sind, dürften in den nächsten Ausgaben des Newsletters sichtbar werden:
1. Zeitgewinn durch Begründung
Es ist sehr wahrscheinlich, dass erklärt wird, warum man sich bisher nicht ausführlich zum empirischen Gutachten geäußert hat: Weihnachtszeit, 300 Seiten Umfang, notwendige sorgfältige Prüfung. Das ist nachvollziehbar – dient aber auch dazu, Zeit zu gewinnen.
2. Relativierung der Böhmermann-Sendung
Ebenso wahrscheinlich ist eine Einordnung nach dem bekannten Muster: Satire dürfe alles, man wolle nicht auf jeden medialen Aufreger reagieren, man setze auf Sachlichkeit. Das ist kommunikativ defensiv, aber typisch für Verbände, die Konflikte nicht eskalieren wollen.
3. Nachholen ohne strategische Neuausrichtung
Vermutlich wird es eine kurze Information zum Gutachten geben. Aber eher als Pflichtvermerk, weniger als politische Lageanalyse mit klarer Positionierung und Mobilisierung.
All das wäre kein Skandal. Aber es zeigt genau jene strategische Zurückhaltung, die dieser Artikel beschreibt.
Wie wird ein BDH-Mitglied diesen Artikel lesen?
Entscheidend ist nicht nur, wie der Verband reagiert. Entscheidend ist, wie die Basis liest. Und hier gibt es sehr unterschiedliche Lesarten.
1. Der eher unpolitische Heilpraktiker
Er liest den BDH-Newsletter wegen Fortbildungen, Rechtsthemen, Abrechnung und Praxisorganisation. Politik ist für ihn Hintergrundrauschen.
Er liest diesen Artikel vielleicht zunächst mit Skepsis:
„Warum greift der Watchblog meinen Verband an?“
Doch wenn er weiterliest, merkt er schnell: Hier wird niemand angegriffen. Hier wird etwas beschrieben. Und dann kommt oft der Moment des Innehaltens:
„Stimmt eigentlich. Davon stand wirklich nichts im Newsletter.“
Genau hier beginnt politische Bewusstwerdung.
2. Der politisch wache Heilpraktiker
Er hat Böhmermann gesehen. Er kennt das Gutachten.
Er ist verunsichert. Er fragt sich, was politisch auf den Berufsstand zukommt.
Für ihn ist dieser Artikel keine Provokation, sondern eine Entlastung: „Endlich spricht es jemand aus.“
Er wird den BDH nicht ablehnen. Aber er wird beginnen, kritischer zu lesen – und politische Kommunikation einzufordern.
3. Der loyale Verbandsmensch
Er identifiziert sich stark mit dem BDH. Er kennt vielleicht Funktionäre persönlich. Er engagiert sich regional.
Für ihn ist der Text unangenehm. Aber nicht, weil er unfair wäre – sondern weil er einen wunden Punkt trifft. Auch er wird sich innerlich sagen: „Sehr zugespitzt. Aber ganz unrecht hat er nicht.“
Und genau das ist für einen Verband oft der entscheidende Moment: wenn Loyalität nicht verschwindet, aber beginnt, Fragen zu stellen.
Warum diese Art der Kritik notwendig ist
Verbände sind wichtig. Sie sind unverzichtbar. Ohne sie gäbe es keine Fortbildungsstrukturen, keine Rechtsvertretung, keine politische Grundpräsenz. Aber Verbände sind keine sakrosankten Räume. Sie stehen in der Öffentlichkeit. Und sie müssen sich an ihrer politischen Wirkung messen lassen – gerade dann, wenn der Berufsstand unter Druck steht.
Dieser Artikel will keinen Verband schwächen.
Er will die Heilpraktikerschaft stärken.
Denn politische Entscheidungen fallen nicht erst, wenn Gesetze im Bundestag liegen. Sie fallen vorher: in Redaktionen, in Talkshows, in Ministerien, in Gutachten, in Narrativen.
Und genau dort wird die Zukunft des Berufsstands derzeit verhandelt.
Darüber zu berichten, ist kein Angriff.
Es ist journalistische Pflicht.

