In den letzten Wochen bekomme ich immer häufiger Mails von Heilpraktikern, Ärztinnen, Patienten und auch aus dem Umfeld der Homöopathie-Hersteller, die alle in eine ähnliche Richtung gehen.
Viele schreiben mir, dass sie sich in der aktuellen Debatte nicht vertreten fühlen. Viele wundern sich, dass ihre Verbände zu Böhmermann und zur Politik so ruhig sind. Dass sie den Eindruck haben, ihre Verbände seien sehr leise, sehr vorsichtig oder schlicht nicht sichtbar. Und dass sie sich fragen, wer eigentlich öffentlich für sie spricht, wenn im Fernsehen, in den Medien und in der Politik über Heilpraktiker, Homöopathie und komplementäre Medizin diskutiert wird.
Diese Mails nehme ich ernst. Nicht, weil ich glaube, dass Verbände überflüssig wären. Sondern weil ich aus meiner eigenen beruflichen Geschichte weiß, dass es manchmal neue Formate braucht, wenn bestehende Strukturen an ihre Grenzen kommen.
Ich habe vor vielen Jahren selbst zwei branchenübergreifende Initiativen mit aufgebaut und mit PR und politischer Kommunikation begleitet.
Die Fördergemeinschaft Gutes Hören war und ist eine Interessengemeinschaft von Hörakustikern und Hörgeräteherstellern. Ihr Ziel war es, die Themen Schwerhörigkeit und Hörgeräteversorgung gemeinsam in die Öffentlichkeit und in die Politik zu tragen. Ich habe diese Initiative über Jahre hinweg mit PR- und politischer Kommunikation begleitet.
Das Forum Besser Hören habe ich mitgegründet. Auch hier ging es darum, Hersteller unter ein Dach zu bringen, um gemeinsam Aufklärung, Öffentlichkeitsarbeit und politische Kommunikation zu organisieren.
Beides waren keine Verbände, sondern wirkungsvolle Interessengemeinschaften, die verschiedene Akteure unter einem Dach zusammengebracht haben. Vor Beginn der Aktivitäten der beiden Gemeinschaften war Schwerhörigkeit und Hörgeräte ein Tabuthema, heute wird darüber deutlich sachlicher gesprochen und berichtet. Aber das hat Jahrzehnte gebraucht.
Beide Initiativen hatten ein gemeinsames Prinzip:
Nicht jeder für sich. Sondern gemeinsam sichtbar. Gemeinsam hörbar. Gemeinsam politisch ansprechbar. Das Besondere: Verbände der Hersteller und Innungen der Hörakustiker haben die beiden Iniitiativen nicht als Konkurrenz gesehen, sondern sich eingebracht und von ihnen profitiert. Die Verbände waren froh, die verbandsübergreifende PR und politische Kommunikation abgeben zu können und sich mehr ihrer Kernkompetenz widmen zu können: Ausbildung, Fortbildung, Networking, Begleitung ihrer Mitglieder im Berufsalltag. Über die Jahre war es gelungen, alle relevanten Verbände einzubinden. Natürlich gab es auch Konflikte, z.B. wenn ein Mitglied dachte, ein anderes Mitglied bekäme mehr Vorteile. Dafür gab es ein Gremium, das die Konflikte löste.
In der Praxis war die Initiative für PR + Politische Kommunikation im Bereich Hörakustik eine Art Schutzring um Verbände und Hersteller herum, die diese vor Medien und Politik schützte. Grafisch lässt sich das so darstellen:

Genau dieser Gedanke kommt mir in den letzten Wochen immer wieder, wenn ich mir die Debatten rund um Heilpraktiker, Homöopathie und komplementäre Medizin anschaue.
Es gibt viele engagierte Einzelakteure. Es gibt starke Netzwerke. Es gibt internationale Partner. Es gibt Patientengruppen. Es gibt Ärztinnen und Ärzte. Es gibt Heilpraktiker. Es gibt Hersteller. Und es gibt eine wachsende Öffentlichkeit, die sich nicht bevormunden lassen will.
Was es bislang kaum gibt, ist eine übergreifende Plattform, die all diese Gruppen zusammenbringt und die Themen dauerhaft, professionell und politisch wirksam begleitet.
Keine klassische Verbandsstruktur. Kein neuer Dachverband.
Sondern eine Initiative, die Öffentlichkeit herstellt, Debatten einordnet, Politik adressiert und schnell reagieren kann, wenn mediale Kampagnen entstehen.
Ob so etwas sinnvoll wäre, ob es gebraucht wird und wie es aussehen könnte, möchte ich nicht im stillen Kämmerlein entscheiden.
Deshalb gebe ich die Frage bewusst an Sie weiter.
Braucht es aus Ihrer Sicht eine solche Initiative?
Was müsste sie leisten?
Wen müsste sie zusammenbringen?
Und was erwarten Sie von einer Plattform, die für Heilpraktiker, Ärzte und Patienten öffentlich spricht?
Schreiben Sie mir in den Kommentaren, damit auch andere Leser inspiriert werden können.
Ich bin gespannt auf Ihre Einschätzungen, Ideen und auch Ihre Kritik.
Was #RetteDeineHomöopathie bereits leistet
Wenn man nüchtern auf die vergangenen Wochen blickt, wird deutlich, wie viel sich bereits bewegt hat. In sehr kurzer Zeit ist aus dem Homoeopathiewatchblog heraus eine Mitmachkampagne entstanden, die genau dort wirkt, wo politische Prozesse heute entschieden werden: in der Öffentlichkeit, in den Medien und im direkten Kontakt mit der Politik.
742 Programmbeschwerden an die Redaktion gegen die geplante Böhmermann-Sendung haben gezeigt, dass organisierter Protest Wirkung entfalten kann. Erstmals in der Geschichte des „ZDF Magazin Royale“ wurde eine Sendung nicht wie geplant ausgestrahlt, sondern verändert und um eine Woche verschoben – wie Jan Böhmermann selbst öffentlich bestätigte.
Und nach der Sendung haben viele Programmbeschwerden von Lesern des Blogs an den ZDF-Fernsehrat bewirkt, dass er daraufhin ein offizielles Verfahren gegen die Sendung eröffnet.
Hinzu kommt der Offene Brief an KBV-Chef Andreas Gassen, der innerhalb weniger Tage von 160 Ärztinnen, Heilpraktikern, Patientinnen und Unterstützern unterzeichnet wurde. Ebenso der Brief an Bundeskanzler Merz, mit der klaren Bitte um politische Einordnung zur Zukunft der Homöopathie in Deutschland.
Parallel dazu sind umfangreiche Dossiers entstanden – differenziert aufbereitet für Ärztinnen und Ärzte, Heilpraktiker, Patientinnen und Patienten, Hersteller und die Wissenschaft. Dossiers, die erstmals systematisch zeigen, was ein Verlust des Arzneimittelstatus und der Erstattung tatsächlich bedeuten würde.
Mit Kampagnenlogo, Slogan und klarer Aktionsstruktur ist ein gemeinsamer Rahmen entstanden, unter dem sich Menschen sichtbar versammeln können. Über Social Media, Newsletter und persönliche Netzwerke wird mobilisiert, informiert und aktiviert. Und jeder kann mitmachen, dem Homöopathie und die Therapeuten am Herzen liegen.
Und 1 Million Seitenaufrufe des Homoeopathiewatchblog in 2025 zeigen die Reichweite.
All das ist in wenigen Wochen entstanden.
Ohne Verband, ohne Apparate, ohne Funktionärslogik. Ohne Budget (Nur mit Kaffee-Spenden für meinen Anwalt). Aber mit Engagement und Kompetenz.
Das ist kein Blog mehr.
Das ist Infrastruktur.
Eine Infrastruktur für eine Homöopathie-Gemeinschaft, die nicht länger zuschaut, sondern handelt.
Haltung. Fakten. Öffentlichkeit für die Homöopathie.


Lieber Christian,
vielen Dank für Deine unermüdliche Arbeit, ich verfolge Deinen Newsletter aufmerksam.
Endlich spricht einmal jemand offen aus, was viele seit Jahren denken: Die Situation in den Berufsverbänden ist für viele Kolleginnen und Kollegen frustrierend. Ich habe vor Jahren selbst meine Mitarbeit und mein Engagement angeboten – und bin auf eine bemerkenswerte Gleichgültigkeit gestoßen. Heute würde ich mir so eine Behandlung nicht mehr gefallen lassen.
In den Verbänden fließen erhebliche Mitgliedsbeiträge, ohne dass für viele transparent wird, wofür diese Mittel tatsächlich eingesetzt werden. Ein echtes Kontrollorgan gibt es nicht. Ich bin deshalb schon vor längerer Zeit ausgetreten.
Vor einigen Jahren habe ich versucht, in einer sehr aufgeheizten politischen Phase selbst eine Initiative zu gründen, mit dem Ziel, eine Kammerstruktur ähnlich der Ärztekammer zu etablieren. Es ist mir damals jedoch nicht gelungen, genügend Kolleginnen und Kollegen zu mobilisieren, um sich gemeinsam gegen die bestehende Verbandslandschaft zu positionieren. Viele halten ihren Verbänden weiterhin die Treue – selbst dann, wenn deren Wirkungslosigkeit offensichtlich ist. Das ist kein spezielles Phänomen unserer Berufsgruppe, sondern leider ein weit verbreitetes Muster: Bloß nichts verändern, alles soll bleiben wie es ist.
Aber diese Haltung wird in der aktuellen politischen Lage zunehmend gefährlich. Ich hoffe sehr, dass es bei vielen Kolleginnen und Kollegen bald zu einem Umdenken kommt.
Bemerkenswert finde ich übrigens auch, dass mehrere juristische Gutachten nicht zu den politisch gewünschten Ergebnissen geführt haben. Wenn es eng wird, zeigt sich, dass sachliche Argumente und rechtliche Substanz weiterhin eine wichtige Rolle spielen.
Für mich ist klar: Wenn sich wirklich etwas ändern soll, braucht es eine grundlegende Neuordnung. Die Zersplitterung in viele Einzelverbände schwächt uns. Eine gemeinsame Dachstruktur mit verbindlicher Finanzierung und klarer demokratischer Kontrolle wäre aus meiner Sicht der einzige Weg, um dauerhaft politisch wirksam zu sein.
Das ist meine persönliche Einschätzung.
Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und Erfolg für Deine Arbeit.
Herzliche Grüße
Andrea
Lieber Andrea, danke für Deine Erfahrung. Meine Idee mit der Initiative PR und politische Kommunikation ist allerdings nicht, irgendwelche
Verbände zu ersetzen. Jeder hat seine Tradition und Berechtigung. Ähnlich wie bei Krankenkassen. Theoretisch würde eine genügen, aber die Vielfalt ist auch ein Wert. So sehe ich das auch bei Verbänden. Die Initiative PR, so wie ich sie über Jahre für die Hörakustik geleitet habe, war klar ein Dienstleister für die Verbände und Hersteller, keine Konkurrenz. Sie war eine Art Schutzschirm für Verbände und Hersteller vor Medien und Politik. Ein praktisches Beispiel, übertragen auf Heilpraktiker: Nach Böhmermann hätte die Initiative PR stellvertretend für alle Verbände und Hersteller das Konzept und den Mustertext für die Programmbeschwerde entwickelt und auf einer Website veröffentlicht. Die Verbände und Hersteller hätten diesen Service genutzt und ihre Mitglieder darauf hingewiesen. So hätte jeder weniger Arbeit aber alle einen Vorteil. Und kein Verband müsste irgendetwas abgeben oder verlieren. Und gemeinsam hätte man in kurzer Zeit viele Menschen erreicht. Und kein Verband müsste sich von seinen Mitgliedern anhören, wann der Verband etwas macht.