Kurzfassung für Schnellleser:
Die politische Debatte über eine Neuordnung des Heilpraktikerrechts bekommt neue Dynamik. Nachdem die CDU-Gesundheitspolitikerin Simone Borchardt auf Abgeordnetenwatch im Februar erstmals eine mögliche Neuordnung einzelner sektoraler heilpraktischer Tätigkeitsfelder im Bereich der Heilpraktiker für Psychotherapie ins Gespräch gebracht hatte – darunter kreative Therapien wie Musik- und Kunsttherapie –, greift nun auch ein großer Medienbeitrag das Thema auf. Ein Artikel der WELT stellt am 15. März die Tätigkeit von Heilpraktikern im Bereich Psychotherapie grundsätzlich infrage und zitiert Experten, die eine Abschaffung des Berufs fordern. Damit entsteht eine politische Argumentationslinie, die bereits aus anderen Bereichen bekannt ist: Zunächst wird ein Problem beschrieben – anschließend folgt der Ruf nach einer neuen Berufsstruktur.
Debatte um Heilpraktiker erreicht den Bereich Psychotherapie
Die Diskussion über den Heilpraktikerberuf konzentrierte sich lange vor allem auf Naturheilkunde und Homöopathie. Inzwischen verschiebt sich der Fokus zunehmend auf einzelne Tätigkeitsfelder. Als sichtbarer Auslöser dieser Entwicklung gilt vielen Beobachtern die Sendung von Jan Böhmermann im Dezember 2025, die eine neue politische Debatte über den Heilpraktikerberuf ausgelöst hatte.
Ein Beispiel ist die Psychotherapie. In Deutschland dürfen neben approbierten Psychotherapeuten auch Heilpraktiker mit einer auf Psychotherapie beschränkten Erlaubnis psychotherapeutisch arbeiten. Diese sogenannte sektorale Heilpraktikererlaubnis existiert seit den 1990er Jahren. Genau dieser Bereich steht nun stärker im politischen Fokus.
Die CDU-Gesundheitspolitikerin Simone Borchardt hatte bereits zuvor auf Abgeordnetenwatch angedeutet (Watchblog berichtete), dass kreative Therapien wie Kunst- und Musiktherapie künftig stärker eigenständig organisiert werden könnten. Damit tauchte erstmals öffentlich die Idee auf, einzelne therapeutische Teilbereiche aus dem Heilpraktikerrecht herauszulösen, die bislang dem Heilpraktiker für Psychotherapie zugeordnet sind.
WELT-Artikel verschärft die Kritik
Nun greift auch ein großer Medienbeitrag diese Debatte auf. In einem Artikel der WELT vom 15.3. wird die Tätigkeit von Heilpraktikern im Bereich psychischer Erkrankungen scharf kritisiert. Psychotherapeutische Angebote außerhalb der approbierten Versorgung seien teilweise ein „Wild-West-Markt“, warnt die Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, Christina Jochim.
Die Ausbildung sei unzureichend reguliert, Qualität schwer überprüfbar. Der Psychologe und Gutachter Dirk Revenstorf formuliert es noch drastischer. Seine Forderung lautet:
„Der Beruf des Heilpraktikers müsste abgeschafft werden.“
Solche Aussagen markieren eine deutliche Zuspitzung der politischen Debatte über den Heilpraktikerberuf.
Heilpraktikerverband widerspricht
Der Artikel enthält allerdings auch Gegenstimmen. Der Präsident des Verbandes Freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater, Werner Weishaupt, weist darauf hin, dass Heilpraktiker eine wichtige Rolle in der Versorgung spielen könnten. Viele approbierte Therapeuten seien auf wenige Verfahren beschränkt. Heilpraktiker könnten dagegen auch kreative therapeutische Ansätze anbieten, argumentiert er. Gerade in Bereichen wie Kunst- oder Musiktherapie gebe es therapeutische Verfahren, die außerhalb der klassischen Richtlinienpsychotherapie lägen.
Zugleich räumt auch er Reformbedarf ein und fordert unter anderem verpflichtende Ausbildung, Haftpflichtversicherung und Fortbildung.
Politische Strategie: Problem – Reform – neuer Beruf
Interessant ist vor allem das Zusammenspiel von Politik und Medien. Die Aussagen Borchardts und die Argumentation im WELT-Artikel folgen einer ähnlichen politischen Logik:
1. Es wird ein Problem beschrieben – mangelnde Regulierung und Patientenschutz.
2. Daraus wird Reformbedarf abgeleitet.
3. Schließlich wird über neue Berufsstrukturen nachgedacht.
Dieses Muster ist aus gesundheitspolitischen Reformdebatten bekannt.
Beispiel Osteopathie
Auch bei der Osteopathie läuft derzeit eine ähnliche Debatte. Osteopathische Verbände wie VOD oder BAO fordern seit Jahren einen eigenständigen Osteopathieberuf – ohne Heilpraktikererlaubnis. Parallel tauchen in der Politik erste Hinweise auf eine mögliche gesetzliche Regelung auf, nachdem die gesundheitspolitische Sprecherin der Union, Simone Borchardt, sich dazu öffentlich mehrfach geäußert hat (Newsblog berichtete).
Die Argumentation ist vergleichbar: uneinheitliche Ausbildung, Patientenschutz, Qualitätsstandards.
Mehrere Teilbereiche des Heilpraktikerrechts geraten unter Druck
Die aktuelle Entwicklung deutet darauf hin, dass die Diskussion über den Heilpraktikerberuf nicht mehr nur grundsätzlich geführt wird.
Stattdessen rücken einzelne Tätigkeitsfelder in den Fokus: Osteopathie, Psychotherapie, kreative Therapien, sektorale Heilpraktiker. In all diesen Bereichen stellt sich zunehmend dieselbe gesundheitspolitische Grundfrage: Soll die Tätigkeit weiterhin über das Heilpraktikerrecht laufen – oder künftig über eigenständige Berufe organisiert werden?
Historisches Vorbild: das Dentisten-Modell
Bemerkenswert ist eine Passage im WELT-Artikel, in der ein historisches Modell für die mögliche Ablösung eines Berufs erwähnt wird. Der Psychologe Dirk Revenstorf verweist auf die sogenannten Dentisten: Zahnbehandler ohne Universitätsstudium, deren Beruf im 20. Jahrhundert schrittweise verschwand. Dentisten durften weiterarbeiten, doch ihre Ausbildungsstätten wurden geschlossen. Neue Dentisten konnten nicht mehr entstehen. Auf diese Weise wurde der Berufsstand langfristig durch akademisch ausgebildete Zahnärzte ersetzt. Der Vergleich deutet an, dass manche Kritiker ein ähnliches Vorgehen auch beim Heilpraktiker für denkbar halten.
Verbindung zu aktuellen Reformideen
Wenn man diese Passage mit den aktuellen politischen Diskussionen zusammennimmt, ergibt sich ein Muster. Mehrere Bereiche werden derzeit diskutiert: Osteopathie, Psychotherapie, kreative Therapien. Die Reformidee ähnelt sich dabei auffällig: neue eigenständige Berufe, akademische Ausbildung, klar definierte Berufsstrukturen. Der Heilpraktiker würde in diesem Modell Schritt für Schritt weniger Tätigkeitsfelder abdecken.
Fazit
Die Debatte über den Heilpraktikerberuf entwickelt sich zunehmend zu einer Reihe von Einzelreformen. Während Politiker wie Simone Borchardt über neue Berufsstrukturen in einzelnen Therapiebereichen sprechen, verschärfen Medienberichte die Kritik am bestehenden System. Zusammen entsteht eine politische Dynamik, die darauf hinauslaufen könnte, dass bestimmte Tätigkeiten schrittweise aus dem Heilpraktikerrecht herausgelöst werden.


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