Läuft jetzt dieselbe Medienstrategie gegen Osteopathie wie zuvor gegen Homöopathie? Spiegel, Tagesspiegel, SZ berichten zeitgleich kritisch

Mitte Juni erschien in drei großen deutschen Leitmedien nahezu zeitgleich dieselbe Botschaft: Osteopathie sei wissenschaftlich nicht überzeugend belegt. Tagesspiegel, Spiegel und Süddeutsche Zeitung griffen denselben Anlass auf, zitierten Experten aus demselben Netzwerk und zeichneten ein ähnliches Bild. Die Osteopathie erscheine als populär, aber wissenschaftlich fragwürdig.

Für mich als Gesundheitsjournalist für die Themen Homöopathie und Heilpraktiker seit 2018 wirkt dieses Muster vertraut. Denn genau so begannen in den vergangenen Jahren zahlreiche Medienoffensiven gegen die Homöopathie. Zunächst stand die Evidenzfrage im Mittelpunkt. Danach folgten Diskussionen über Finanzierung, Sonderregelungen und politische Legitimation. Am Ende ging es nicht mehr nur um die Frage, ob Homöopathie wirkt, sondern ob sie überhaupt noch einen Platz im Gesundheitssystem haben sollte.

Nun scheint dieselbe Argumentationslogik erstmals auch bei der Osteopathie sichtbar zu werden. Aus einer Diskussion über Rückenschmerzen wird innerhalb weniger Stunden eine Debatte über Finanzierung, Regulierung und sogar über die Sinnhaftigkeit eines Osteopathie-Berufsgesetzes.

Gleiche Botschaft, gleiche Richtung

Der Tagesspiegel schreibt am 18. Juni: „Die Studien zeigen keinen überzeugenden Nutzen der Osteopathie bei unspezifischen Kreuzschmerzen“. Der Spiegel schreibt am 18. Juni, dass die Wirksamkeit der Osteopathie bei Rückenschmerzen nicht überzeugend belegt sei. Die Süddeutsche Zeitung formuliert am 19. Juni noch schärfer: „Basierend auf der verfügbaren Evidenz sollten die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen die Osteopathie nicht finanziell unterstützen“. Und dann folgt der Satz, der den politischen Kern freilegt: „Ob es überhaupt sinnvoll ist, eine Methode zu standardisieren, deren Nutzenbeweis bisher trotz etlicher Versuche nicht erbracht werden konnte, ist zudem fraglich“.

Auffällig außerdem. Bei zwei Medien haben Journalisten über Osteopathie geschrieben, die seit Jahren bekannt sind als Schreiber gegen Homöopathie und Heilpraktiker (Julian Ae im Spiegel, Werner Bartens in SZ). Diese lassen Personen der Skeptikerorganisationen als angebliche Experten zu Wort kommen.

Das ist keine bloße wissenschaftliche Einordnung mehr. Das ist eine politische Schlussfolgerung aus wissenschaftlicher Skepsis.

Das SMC als Verstärker

Auffällig ist auch die Rolle des Science Media Center (SMC). Sowohl Spiegel als auch Tagesspiegel und Süddeutsche Zeitung verweisen auf Experteneinschätzungen, die über das SMC verbreitet wurden. Das SMC stellt Journalisten wissenschaftliche Stellungnahmen zu aktuellen Themen zur Verfügung und fungiert in solchen Debatten als wichtiger Vermittler zwischen Wissenschaft und Medien. Ein Fokus liegt auf dem Thema „Evidenbasierte Medzin“

In der Süddeutschen Zeitung wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Aussagen des Gesundheitswissenschaftlers Daniel Belavy gegenüber dem Science Media Center gemacht wurden.

Belavy gehört zu den deutlichsten Kritikern der Osteopathie. In der SZ wird er mit der Aussage zitiert, die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen sollten die Osteopathie nicht finanziell unterstützen. Zudem erklärt er, weitere Studien seien eigentlich nicht mehr erforderlich.

Das SMC wirkt in dieser Debatte wie ein journalistischer Verteilungsknoten. Es verbreitet ausgewählte Experteneinschätzungen, die anschließend zeitgleich in mehreren Leitmedien auftauchen. Wenn dieselbe Expertenfigur, dieselbe Evidenzbewertung und ähnliche politische Schlussfolgerungen innerhalb weniger Stunden in mehreren großen Medien erscheinen, entsteht ein gemeinsamer Deutungsrahmen, der die öffentliche Debatte prägt.

Die SZ verschärft den Ton

Besonders deutlich wird das in der SZ. Dort bleibt der Text nicht bei der Frage, ob Osteopathie wirkt, sondern übersetzt den Befund sofort in ein Regulierungsurteil: Kein überzeugender Nutzen, also kein guter Grund für finanzielle Unterstützung, und im Zweifel auch kein gutes Argument für ein Berufsgesetz. Die Formulierung, dass „keine einheitlichen Standards und kein Berufsgesetz“ existieren und die derzeitige Lage fragwürdig sei, macht aus medizinischer Kritik eine ordnungspolitische Attacke.
Genau das ist der Punkt, an dem die Debatte über Therapie in eine Debatte über Berufspolitik kippt.

Muster wie bei Anti-Homöopathie-Kampagne

Wer dieses Muster kennt, erkennt sofort die Parallele zur Anti-Homöopathie-Kampagne. Auch dort beginnt die mediale Dramaturgie meist mit Evidenzkritik und endet bei der Frage, warum eine Methode überhaupt noch öffentlich unterstützt oder institutionell geschützt werden sollte.
Bei Osteopathie läuft gerade dieselbe Logik an: wissenschaftlich schwach, daher politisch angreifbar. Was als Studienkritik beginnt, endet als Ruf nach Entzug von Geld, Status und Anerkennung.

Warum das relevant ist

Das Problem ist nicht, dass Medien Evidenz prüfen. Das Problem ist die Verknüpfung von wissenschaftlichem Zweifel mit einer sehr klaren politischen Forderung von Journalisten. Die SZ formuliert sie am deutlichsten: Wenn sich der Nutzen nicht belegen lasse, sei es fraglich, ob man die Methode standardisieren solle.

Das ist die eigentliche Botschaft der Kampagne: Osteopathie soll nicht nur als Behandlung skeptisch gesehen werden, sondern als Berufsfeld und als erstattungsfähige Leistung gleich mit.

Der Mechanismus

Man kann den Mechanismus ziemlich präzise beschreiben:

  1. Ein aktueller Bericht liefert die Evidenzkritik.
  2. Das SMC stellt die passenden Expertenstimmen bereit und macht sie medial verwertbar.
  3. Mehrere große Medien übernehmen denselben Deutungsrahmen fast gleichzeitig.
  4. Die SZ zieht daraus die weitreichendste politische Konsequenz: kein Geld, fragwürdiges Berufsgesetz.
  5. So entsteht eine synchron wirkende Kampagne mit klarer Stoßrichtung gegen Komplementärmedizin.

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